40. fdr+sucht+kongress

»SUCHT SUCHT RESPEKT«
Die Würde des Menschen steht im Mittelpunkt.

Termin

15./16. Mai 2017
SEMINARIS Campus Hotel Berlin

Wir möchten gemeinsam mit Ihnen Antworten geben und Maßstäbe setzen! Wir freuen uns auf Sie beim 40. BundesDrogenKongress in Berlin.

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Was wir wollen

Der 40. BundesDrogenKongress! Zeit für ein Fazit und einen Ausblick. Auch wenn der Kongress inzwischen offiziell fdr+sucht+kongress heißt, hat sein Konzept seit vier Jahrzehnten Bestand. Vierzig BundesDrogenKongresse, das sind vierzig Foren von Fachleuten der Suchthilfe. Ihr Anliegen war immer ein besseres Leben für Menschen, die abhängig oder durch Drogen gefährdet sind.
In all den Jahren haben wir gegen die Diskriminierung suchtkranker Menschen gekämpft. Wir haben an den Tabus der Gesellschaft in ihrem Umgang mit abhängigkeitskranken Menschen gerüttelt. Und uns dabei immer wieder mit den Leistungsträgern im Sozialrecht, mit der Politik und der Justiz auseinandergesetzt. Wir konnten Veränderungen bewirken. Der 40. BundesDrogenKongress. Wir haben Erfolge erzielt und Perspektiven eröffnet. Und wir sind motiviert für die Zukunft.

Die Vereinbarungen – und die Praxis

Der erste BundesDrogenKongress fand 1978 in Stuttgart statt; bereits zehn Jahre zuvor hatte das Bundessozialgericht festgestellt: Sucht ist Krankheit. 1975 wurde dann durch die „Eingliederungshilfeverordnung“ festgelegt, dass Suchtkranke zu den Personen mit einer seelischen Behinderung zählen. Seit 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland geltendes Recht. Ihr Ziel: die Umsetzung der Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen.
All das hat den Anspruch suchtkranker Menschen auf Hilfe verbessert. Eingelöst wird dieser Anspruch jedoch nur zum Teil. Immer noch werden Suchtkranke diskriminiert und von Leistungen ausgeschlossen. Sie werden im Zusammenhang mit illegalen Drogen strafrechtlich verfolgt und alleine gelassen, wenn sie Hilfe bräuchten.

Wir stellen die Würde in den Mittelpunkt und wir stellen Fragen

Beim 40. fdr+sucht+kongress stellen wir die Würde des suchtkranken Menschen in den Mittelpunkt. Wir fordern den respektvollen Umgang, die Gewähr der Menschenwürde, und wir untersuchen, wie sich dieser respektvolle Umgang im Suchthilfe-System darstellt. Wir fragen:

+ Prävention findet statt. Aber reichen die Maßnahmen aus?
+ Suchtkranke Frauen haben spezielle Probleme. Werden sie angemessen berücksichtigt?
+ Die Behindertenrechtskonvention fordert staatliche „Mindeststandards und Leitlinien für die Zugänglichkeit von Einrichtungen und Diensten, die der Öffentlichkeit offenstehen oder für sie bereitgestellt werden“. Existieren diese für Suchtkranke?
+ Die Behindertenrechtskonvention fordert Zugang zu gemeindenahen Unterstützungsdiensten zu Hause und in Einrichtungen sowie zu sonstigen gemeindenahen Unterstützungsdiensten. Erhalten Abhängigkeitskranke diesen Zugang?
+ Jeder suchtkranke Mensch hat einen individuellen Bedarf und ein Recht auf Selbstbestimmung. Berücksichtigt die Eingliederungshilfe diese Tatsachen?
+ Und berücksichtigt die Gesetzliche Rentenversicherung sie?
+ Die Behindertenrechtskonvention formuliert das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird. Erhalten Abhängigkeitskranke entsprechenden Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beschäftigung?
+ Suchtkranke Menschen besitzen Potenzial, sich und ihre Interessen zu vertreten. Nutzen Politik, Leistungsträger und die Suchthilfe diese Ressourcen für ein möglichst großes Maß an Selbstbestimmung? Und binden sie die SuchtSelbstHilfe angemessen in ihre Arbeit ein?

Wir möchten gemeinsam mit Ihnen Antworten geben und Maßstäbe setzen!
Wir freuen uns auf Sie beim 40. BundesDrogenKongress in Berlin am 15./16. Mai 2017

Montag, 15. Mai 2017

Das Programm

  • 9.00 bis 12.00 Uhr THEMENTOUREN
  • 12.00 Uhr EMPFANG der Teilnehmer*innen + Mittagsimbiss
  • 13.00 Uhr ERÖFFNUNG
                      Serdar Saris, fdr+Vorsitzender
  • 13.15 Uhr GRUSSWORTE
                      Marlene Mortler MdB, Drogenbeauftragte der Bundesregierung
                      Christine Köhler-Azara, Drogenbeauftragte des Landes Berlin
  • 14.00 Uhr VORTRÄGE
  • 15.30 bis 18.30 Uhr Parallele SEMINARE
THEMENTOUREN durch die Berliner Suchthilfe

Beim fdr+sucht+kongress können Sie die Vielfalt der Suchthilfe in Berlin kennenlernen. Verbinden Sie die Kongressteilnahme mit der Besichtigung von Einrichtungen der Suchthilfe. Oder machen Sie sich, unabhängig von der Teilnahme am 40.fdr+sucht+kongress, ein Bild durch die Teilnahme an einer Thementour »SuchtHilfe«! Sie werden während der Tour von einer »Patin« oder einem »Paten« betreut. Ihren »Fahrplan« bekommen Sie rechtzeitig vor dem Kongress im Internet oder vor Ort.
Um teilnehmen zu können, müssen Sie sich anmelden, möglicherweise eine weitere Übernachtung von Sonntag auf Montag (86 €) buchen und einen Kostenbeitrag von 10 Euro einplanen. Die Touren beginnen am Tagungshotel und dann werden Sie von uns zu den anderen teilnehmenden Einrichtungen gebracht. Die Touren enden gegen 12:00 Uhr am Tagungshotel.

  • Tour 1 › Prävention
  • Tour 2 › Orginalstoffvergabe und Substitution
  • Tour 3 › Arbeit für Suchtkranke
  • Tour 4 › Rehabilitation und stationäre Hilfen

Lesen Sie mehr über die Thementouren beim 40. fdr+sucht+kongress

Vortrag 1 - Dr. Alfred Uhl: Sucht, Stigma und Tabu - Spielräume sichern …

Sucht, Stigma und Tabu – Spielräume sichern trotz institutioneller Macht
Die archaische Methode, Mitglieder einer Gruppe oder Gesellschaft zur Übernahme bestimmter, als wichtig erachteter Überzeugungen, Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu motivieren, baut auf grundlegenden menschlichen Instinkten auf: Man kreiert Feindbilder, indem man sich emotional vehement gegen jene Individuen und Gruppen abgrenzt, die in ihren Überzeugungen, Eigenschaften oder Verhaltensweisen von der Mehrheitsdoktrin abweichen. Ist diese Methode erfolgreich, wird es in diesen Gruppe undenkbar sich in einer Art und Weise zu verhalten, die mit diesen Inhalten unvereinbar ist. Es entstehen Tabus, im Sinne von sozialen Norm, die nicht in Frage gestellt werden und gestellt werden dürfen.

Dem positiven Aspekt der Identitätsstiftung innerhalb der Gruppe steht der destruktive Aspekt der Ausgrenzung und Stigmatisierung jener Individuen und Gruppen gegenüber, die sich der sozialen Norm widersetzen und Tabus brechen. „Stigmatisierung“ bedeutet, dass die negativen Urteile über einzelne Verhaltensaspekte auf die gesamte Persönlichkeit generalisiert werden. Angst vor drohender Stigmatisierung, oft in Verbindung mit mehr oder weniger drakonischen Strafandrohungen, motivieren zwar viele zur Konformität. Jene aber, die der Stigmatisierung nicht entkommen können, weil sie das unerwünschte Verhalten nicht verändern können oder nicht verändern wollen, können ihr Selbstwertgefühl nur aufrechterhalten, indem sie ein kollektives Gegenbewusstsein – also eine Gegenidentität – entwickeln. In Folge dieser Polarisierung sind Konflikte vorprogrammiert. Kompromisse und Veränderungen werden dann selbst dort unwahrscheinlich, wo die Betroffenen selbst davon profitieren würden. Das gilt für Personen auf beiden Seiten des Konflikts.

Die zeitgemäße Alternative zu Polarisierung und Stigmatisierung hat eine ethische und eine pragmatische Dimension. Die ethische Dimension erfordert eine demokratische, an den Menschenrechten orientierte, tolerante Grundhaltung, die Zwang und Sanktionen nur dort erwägt, wo Interessen anderer massiv beeinträchtigt werden. Populäre Schlagworte sind hier „Partizipation“, „Emanzipation“ und „Empowerment“. Die pragmatische Dimension betrifft fundamentale sozialpsychologische Erkenntnisse. Menschen wehren sich intuitiv gegen Zwang und Manipulationsversuche (Reaktanz), brauchen ausreichend Zeit, um sich in Bezug auf ihre Probleme umzuorientieren (motivierende Gesprächsführung) und akzeptieren Hilfestellungen am ehesten von solchen Personen, die ihnen positiv gegenüberstehen (akzeptanzorientierte Grundhaltung).

Während Stigmatisierung bedeutet, Menschen wegen einzelner Aspekte in ihrer Gesamtheit abzulehnen, bedeutet eine akzeptanzorientierte Grundhaltung, Menschen partnerschaftlich in ihrer Gesamtheit zu akzeptieren – was natürlich nicht ausschließt, einzelne ihrer Eigenschaften, Haltungen und Verhaltensweisen negativ zu beurteilen und das auch offen auszudrücken.

Auf das Phänomen Sucht bezogen ergibt sich daraus ein fundamentales Dilemma. Wer in Substanzmissbrauch und Sucht ein gravierendes Problem erkennt und sich gegen jene Strukturen wendet, die diese Problementstehung begünstigt, liefert konsequent Munition, die von der Öffentlichkeit, von Medien und von populistischen Politikern dazu verwendet werden kann, die Opfer dieser Strukturen und Probleme zu stigmatisieren. Angesichts der einleitend beschriebenen archaischen Strategien und Denkmuster, die selbst bei kritischen Menschen nach wie vor unterschwellig wirken, ist es nicht einmal für jene, die Anti-Stigmatisierung predigen, leicht, sich dem stigmatisierenden Denken zu entziehen. Substanzmissbrauch und Sucht konsequent als eine unspektakuläre Variante menschlichen Verhaltens zu präsentieren, um so die Gefahr der Stigmatisierung von Betroffenen zu vermindern und einen akzeptanzorientierten Zugang zur Klientel zu fördern, wird der Situation allerdings auch nicht gerecht.
Ich stehe voll und ganz hinter der Bewegung zur Entstigmatisierung von Suchtkranken und anderen psychiatrisch Erkrankten, und habe eine klare Präferenz für einen demokratischen und an den Menschenrechten orientierten Zugang zu Menschen mit Problemen. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass engagierte Präventionsfachkräfte, TherapeutInnen und ForscherInnen, grundlegende Probleme präzise erfassen und ansprechen sollten, wodurch sie zwangsläufig der Stigmatisierung von Betroffenen Vorschub zu leisten. Es gibt leider keine einfache Möglichkeit um sich dem daraus entstehenden Dilemma, im Sinne des paradoxen Wunsches „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ zu entziehen.

Uhl, Dr. Alfred, Psychologe (Dr. Phil.), Abteilungsleiter Stv., Gesundheit Österreich GmbH, Kompetenzzentrum Sucht, Wien

Vortrag 2 - Prof. Dr.med Malek Bajbouj: Die gesundheitliche Situation geflüchteter Menschen …

Folgen von Stress und traumatischen Erlebnissen bei Geflüchteten

Seit fünf Jahren engagiert sich die Klinik für Psychiatrie der Charité am Campus Benjamin Franklin für arabische Flüchtlinge in Deutschland und Jordanien. In den insgesamt fünf Sprechstunden sehen ein internationales Team von Psycholog/innen und PsychiaterInnen pro Woche etwa 50 bis 100 PatientInnen, die unterschiedliche Folgen der sehr stressvollen und teilweise traumatischen Erfahrungen in den Bürgerkriegsregionen, während der Flucht und in der ungewohnten Umgebung in Deutschland durchleiden. Der Vortrag soll die gesamte Bandbreite der Konsequenzen beleuchten, die von alltäglichen sozialarbeiterischen Herausforderungen, Sucht, einer veränderten Gewaltbereitschaft  bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen und schweren Depressionen reichen. Es sollen zudem beispielhaft aus den bisherigen Erfahrungen abgeleitete Lösungsansätze vorgestellt werden.

Bajbouj, Prof. Dr. Malek,    
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Charité,  Universitätsmedizin Berlin Campus Benjamin Franklin, Berlin

Seminar 11 - Neue Psychoaktive Substanzen (NPS) …

Neue Psychoaktive Substanzen (NPS), neue neue Konsummuster – neue Herausforderungen für die Suchthilfe?
Konsumverhalten verändert sich mit jeder neuen Generation von Substanzgebraucher*innen. Zuletzt verändert sich das Marktangebot jedoch besonders rasant: Die Zahl der neu entwickelten und auf dem Drogenmarkt verfügbaren Substanzen wird immer größer, das Drogenangebot ist inzwischen sowohl für Konsument*innen, als auch für die Helfer*innen immer unübersichtlicher. Vor allem junge Menschen experimentieren mit neuen Substanzen und entwickeln neue Konsummuster – die damit verbundenen Risiken sind aber oft unklar und nicht selten höher als mit tradierten Drogen. Die Marktdynamik beeinflusst auch das Angebot altbekannter Substanzen stark, diese werden billiger und in besonders hoher Qualität verfügbar – dies zieht ebenfalls spezifische Risiken nach sich.

Welche Anforderungen stellt die veränderte Lage an die Suchthilfe, wie kann Gebraucher*innen mit “neuen Konsummustern” ein Zugang zu geeigneter Prävention und Hilfe ermöglicht werden, ohne sie dabei zu stigmatisieren? Der Workshop transportiert Wissen zu Konsumtrends unter jungen Menschen, erläutert spezielle Gebrauchsmuster in ausgewählten Subkulturen sowie mit dem Konsum verbundene, spezifische Risiken und stellt Herausforderungen an die Suchthilfe und mögliche Antworten zur Diskussion.

Schmolke, Rüdiger, M.A.Pol./MPH, Geschäftsführer, Chill out e.V, Potsdam

Seminar 12 - Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beschäftigung …

Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beschäftigung für Abhängigkeitskranke

1. Stigmatisierung in der beruflichen Rehabilitation und Integration Suchtkranker

Praxisbezug
Suchtkranke gelten insbesondere einer langfristigen Integration in Erwerbsarbeit als „schwierige Klientel“ für sozialstaatliche Hilfe. Selbst erfahrenen Mitarbeiter_innen von Sozialämtern, Jobcentern oder auch Bildungsträgern ist es meist nur schwer möglich, die spezifischen Diagnostiken und Therapieerfolge als Teil des an die Rehabilitation anschließenden (Re-)Integrationsprozesses in die Arbeitsgesellschaft wahrzunehmen. Sie schließen mit eigenen institutionellen Testierungs- und Profilingverfahren an, die entweder spezielle, komplexe Fallzuschreibungen herstellen und die Klient_innen zwischen gesetzliche und institutionelle Schnittstellen fallen lassen, da ihnen im Hilfesystem kein Platz eingeräumt wird. Oder die Problemlage wird als in der Person liegendes „Integrations- und Vermittlungshemmnis“ festgehalten, in ihrer Komplexität reduziert und als Subjektivierung und Stigmatisierung an die Klient_innen zurückgelenkt. Gerade vor dem Hintergrund, dass es weitgehend nicht gelungen ist, langfristige Strukturen zwischen der medizinischen Rehabilitation und dem sozialstaatlichen Vermittlungssystem aufzubauen, gilt es zu betrachten, welche Ansätze aus Wissenschaft und Praxis bestehen, die einen stigmatisierungsfreien und adressat_innengerechten Zugang gewährleisten möchten, und diese zu diskutieren.

Methoden und Ziele
Die Grundlage für das Panel bildet ein Implusvortrag, der auf den Forschungsergebnissen meiner Promotionsforschung (vgl. Kratz 2015) aufbaut und neue Ansätze einer adressat_innenzentrieren Vermittlungsarbeit in der Berufsförderung aufzeigen möchte. Daran anschließend werden innovative Praxisprojekte präsentiert, die beispielsweise Diskriminierungs- und Stigmatisierungstendenzen bei Arbeitgebern und Leistungsträgern abbauen und einen starken Adressat_innenbezug haben. Zusammen mit der geplanten Handreichung „Arbeitsmarktintegration in der Suchthilfe“ können so Ideen und Erfahrungen ausgetauscht werden, um die jeweilige regionale Förderlandschaft weiterzuentwickeln.

Literatur
Kratz, Dirk (2015): Hilfe und Entfremdung. Ein biographischer Blick auf Langzeitarbeitslosigkeit und Hilfen zur Arbeit im Kontext der Sozialen Arbeit. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Kratz, Dr. Dirk, Geschäftsführer, Therapieverbund Ludwigsmühle, Landau

2. Frau Morkel ist glücklich: „In der tageswerkstatt sorge ick für die Bienen und der Honig wird überall jegessen, dit kenn ick so noch nich, fühlt sich aber jut an.“

Teilhabe, Inklusion und Partizipation ermöglichen! – aber wie?
Suchterkrankte Menschen, in der Regel mit multiplen Begleit- und/ oder Grunderkrankungen im somatischen und psychiatrischen Bereich haben wie alle anderen Menschen ein Recht auf Teilhabe und Integration. Im Sinne des Teilhabe- und Inklusionsgedanken wird in allen Bereichen des Notdienstes Berlin ein Schwerpunkt auf Tagesstruktur und Beschäftigung gelegt. Teilhabe an der Gesellschaft, Partizipation und Inklusion zu ermöglichen ist auch ein Auftrag der sich aus dem SGB XII ergibt.

  • Wie wird dieser Auftrag bedient?
  • Welche Hindernisse gibt es?
  • Was ist sinnvoll und wie gelingt es, dies wirkungsvoll zu implementieren?
  • Wie profitieren die Zielgruppe, das soziale Umfeld und die Gesellschaft davon?
    Welche Instrumente und Methoden sind nötig um eine echte Teilhabe -fernab reiner Beschäftigungsmaßnahmen- zu ermöglichen?

Es wird exemplarisch die erfolgreiche Wirkung eines innovativen Ansatzes in der ambulanten Suchthilfe für eine von zahlreichen Stigmatisierungen geprägte Zielgruppe dargestellt.

Matthiesen, Antje, Regionalleitung, Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V., Berlin
Merenz, Lena, Teamleitung tageswerkstatt, Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V., Berlin

Seminar 13 - Wenn reden allein nicht hilft …

Wenn reden allein nicht hilft – Rehabilitation im Spannungsfeld zwischen klassischer Psychotherapie und teilhabespezifschem Rollentraining

Dr. Arthur Günthner

Wieviel kann Psychotherapie, sei sie tiefenpsychologisch oder verhaltenstherapeutisch fundiert, zur erfolgreichen Rehabilitation kranker und behinderter Menschen beitragen?
Dass die tiefenpsychologische Psychotherapie und die Psychoanalyse klassischer Prägung mit ihrem speziellen Ansatz und Setting nur einen begrenzten Bezug zu den Teilhabezielen der Rehabilitation aufweist, mag nicht verwundern. Schaut man auf die historische Entwicklung der Psychotherapie, so haben sich manche Ansätze als Gegenentwurf der Psychoanalyse entwickelt, z. B. die Gestalttherapie nach Fritz Perls oder das Psychodrama nach Moreno mit seinen sozial- und handlungsorientierten Rollenspielen.
Aber auch bei der verhaltenstherapeutisch fundierten Psychotherapie stellt sich die Frage nach deren Nutzen für die Rehabilitation. Betrachtet man sich die „kognitive Wende“, die „dritte Welle“ der Verhaltenstherapie mit Betonung von Achtsamkeit und Akzeptanz sowie Ansätze zur Emotionssteuerung und andere Entwicklungen mit stark personenbezogenen Methoden, so erscheint das Psychodrama mit seinen Stegreifübungen fast noch verhaltensbezogener als manche moderne Form der Verhaltenstherapie.
Hat die Verhaltenstherapie das (direkte, beobachtbare) Verhalten und dessen Einbettung in komplexe Problemlagen in der Lebenswelt der Betroffenen vergessen? Nun, es gibt es auch in der Verhaltenstherapie durchaus Entwicklungen, die das offene, beobachtbare Verhalten-in-einer-Situation zum Gegenstand machten, vor allem beim Training von Fertigkeiten wie z. B. dem Selbstsicherheitstraining oder dem sozialen Kompetenztraining. Auch beim Angstbewältigungstraining mittels Expositionsverfahren wird das entsprechende Verhalten sogar unter realen Lebensweltbedingungen eingeübt. Und nicht zuletzt bei Kindern und Jugendlichen, bei älteren sowie bei kognitiv stark eingeschränkten Menschen werden die Grenzen einer stark gesprächsorientierten gegenüber einer eher auf das Verhalten-in-einer-bestimmten-Situation orientierten Psychotherapie deutlich.
Ausgehend von wesentlichen Teilhabezielen der Rehabilitation lassen sich psychotherapeutische Verfahren danach beurteilen, inwieweit sie auf diese Ziele im Rahmen der stationären und/oder ambulanten Rehabilitation Bezug nehmen.  Dies lässt sich sowohl im Rahmen einer entsprechenden Systematik als auch durch entsprechende Beispiele darstellen. Zugleich lässt sich dabei zeigen, wo die Grenzen einer psychotherapeutischen Verhaltensänderung liegen und wo auch Änderungen der Verhältnisse betrachtet werden müssen.

Günthner, Dr. Arthur        
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Landau/Pfalz
Psychologischer Psychotherapeut

Seminar 14 - Partizipative Theaterarbeit …

Partizipative Theaterarbeit zur Entstigmatisierung des Themas Sucht in der Gesellschaft
Durch theaterpädagogische Projekte liegen schon zahlreiche positive Erfahrungen im Kontext der Suchtarbeit insbesondere in der Prävention und der Therapie vor. Seit Jahrzehnten werden von Schulklassen über Betriebe bis zur breiten Bevölkerung präventive Theaterstücke genutzt, um die AdressatInnen für die Suchtthematik zu sensibilisieren und diskriminierende Vorurteile gegenüber Süchtigen zu problematisieren. Gerade auch mit der Beteiligung „ehemaliger Betroffener“ als Akteure liegen im Sinne der therapeutischen Arbeit bzw. als „Selbsthilfeprojekt“ zur Entstigmatisierung des Themas Sucht in der Gesellschaft beispielhafte Maßnahmen vor. Interaktive Theaterformen integrieren den partizipativen Gedanken und fördern die Ziele: Suchtstigma aufzudecken, Tabus zu durchbrechen und einen diskriminierungsfreien Umgang mit Abhängigkeitskranken zu unterstützen. Durch das Verständnis für das Stigma von Suchterkrankungen lässt sich auch die Selbststigmatisierung („zweite Krankheit“) leichter überwinden und die Teilhabe des Betroffenen verstärken. Über Erfahrungsberichte und bestpractise Beispiele hinaus wird das Seminar selbst Möglichkeit bieten, die interaktiven Theaterformen des Playback Theaters bzw. des Forumtheaters kennenzulernen und sich so mit suchtspezifischen und entstigmatisierenden Themen auseinanderzusetzen.

Leitung: Kostrzewa, Prof. Dr. Regina, Professorin für Soziale Arbeit, MSH Medical School Hamburg

Seminar 15 - Interkulturelle Sensibilisierung …

Interkulturelle Sensibilisierung – Geflüchteten Menschen gerecht werden
Die Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland wird von Unsicherheit und Uninformiertheit, Ausländerfeindlichkeit und Hass, aber auch von großem bürgerschaftlichen Engagement und Hilfsbereitschaft begleitet. Einen breiten Konsens darüber, was unter Willkommenskultur verstanden und wie sie praktisch umgesetzt werden kann, gilt es erst noch herauszuarbeiten. Was trägt dazu bei – Information und Erfahrung, Transparenz und Beteiligung? Was ist für eine gelingende Kommunikation mit Flüchtlingen erforderlich – in Institutionen, Vereinen, Verwaltungen? Aus unserer Sicht sind geeignete Rahmenbedingungen für ein kritisches Überdenken von Einstellungen und Verhaltensweisen erforderlich. Sie sollen dazu beitragen, dass Motivationen geweckt werden und Veränderungen möglich erscheinen, ohne Angst vor Verlusten haben zu müssen. Und das ist machbar. Ein Wichtige Aspekt hierzu ist die Situation der Menschen mit Fluchterfahrung zu verstehen und das Verständnis der Krankheit / Gesundheit anderes definieren.

Format der Veranstaltung

Input
„Von der Flucht zur Integration – Wann nehme ich Unterstützung an!
anschließend Diskussion und Fragen

Praxis

  • Kulturelle Identität
  • Tabus und Werte
  • „Akzeptanz“ der/ in der Gesellschaft
  • Chancen und Grenzen

Die Inhalte werden anhand von Übungen und Methoden vermittelt.

Azad, Sosan, Geschäftsführerin, Streit Entknoten GmbH, Büro für Mediation und Interkulturelle Kommunikation, Berlin

Seminar 16 - „Besserer Jugendschutz - mit Cannabisregulierung!? …

„Besserer Jugendschutz- mit Cannabisregulierung!?“ Effektive Praxisansätze für Jugendliche mit problematischem Cannabiskonsum
Moderation: Andres Gantner und Nina Pritszens

Die Forderungen nach einer Beendigung der Cannabisprohibition und einer regulierten Abgabe von Cannabis für Erwachsene wird inzwischen von einer Mehrheit Sucht- und Präventionsexpert*innen, Suchtfachverbänden, Strafrechtlern, sowie zunehmend von Städten und Kommunen gefordert. Kritische Gegenstimmen finden sich vor allem bei den Fachgesellschaften der Psychiater/Kinder- und Jugendpsychiater, die vor den Gefahren des Kiffens für Jugendliche und einem nicht funktionierenden Jugendschutz warnen. Es wurde dabei u.a. argumentiert, dass eine Freigabe für Erwachsene eine falsche Signalwirkung für Jugendliche hätte und außerdem durch das Verbot und die strafrechtliche Zuweisung Konsumenten früher und besser erreicht würden. Eine zentrale These dieses Symposiums ist: durch das generelle Cannabisverbot wird eine offensive, enttabuisierte Suchtprävention, sowie die Möglichkeit früher Interventionen durch das Stigma der drohenden Kriminalisierung eher erschwert. Defizite im Jugendschutz/Jugendhilfe sind aber auch unabhängig der Cannabisprohibition zu sehen. Eine zukünftige Cannabisregulierung bietet die Chance und Verpflichtung für eine Verstärkung und Verbesserung von Suchprävention/Frühintervention sowie einer glaubwürdigeren, konsistenten Präventions-und Suchtpolitik. Notwendig ist dabei u.a. eine Verbesserung der Kooperationsbeziehungen von Schule/Jugendhilfe/Suchthilfe/Psychiatrie sowie eine konzeptionelle Erweiterung der Suchthilfe hin zu systemischen Ansätzen, die Eltern und Familien als Ressourcen in den Blick nehmen und aktiv einbeziehen. In den folgenden Beiträgen werden Probleme und Lücken eines effektiven Jugendschutzes benannt und Ansätze eines wirksamen Umgangs mit konsumierenden Jugendlichen dargestellt

Zeitrahmen für Symposium: 3 Stunden

  • 5 Minuten: Einleitung Moderation Symposium: Andres Gantner/Nina Pritszens
  • 30 Minuten: Cannabis: Regulierungsinitiativen und cannabispolitischer Positionen im Hinblick auf die Bedeutung des Jugendschutzes (Prof. Dr. Heino Stöver, Institut für Suchtforschung)
  • 30 Minuten: Suchtpräventive Ansätze bei Cannabiskonsum: Balance zwischen Verbot und Entwicklung von Risikokompetenz. (Christa Schadt, Fachstelle für Suchtprävention Berlin)
  • 10 Minuten: Diskussion
  • 15 Minuten: Pause
  • 25 Minuten: „Wer ist eigentlich FreD und warum kommt er nicht…?“ Beratungs- und Frühinterventionsansätze für Cannabiskonsumenten in Berlin (Nina Pritszens, vista Berlin)
  • 25 Minuten: Multidimensionale Familientherapie (MDFT) für minderjährige Cannabisabhängige und Eltern. Vom strafrechtlichen Zwangskontext (USA) zur zieloffenen Netzwerktherapie (Berlin) Andreas Gantner (Therapieladen, Berlin)
  • 25 Minuten: Stationärer qualifizierter Entzug für Cannabisabhängige (Dr. Tobias Hellenschmidt / Vivantes Klinik für Kinder –und Jugendpsychiatrie, Berlin
  • 20 Minuten: Abschlussdiskussion mit Teilnehmer*innen
Seminar 17 - Gesundes Selbstmanagement im (Berufs)alltag

Gesundes Selbstmanagement im (Berufs)alltag – Impulse zur Stressbewältigung und Resilienzstärkung

Ausgebucht. Bitte nicht mehr anmelden!

Durch Arbeitsverdichtung und Mehrfachanforderungen im gesamten Lebensalltag entstehen immer wieder Phasen, in denen es zu erhöhter Belastung und Beanspruchung kommt. Das präventiv orientierte Seminar stellt Gesundheit als Fähigkeit in den Mittelpunkt und beleuchtet Zusammenhänge von Stressursachen und individuellen Handlungsmustern mit dem Ziel der Anregung und Verstärkung entlastender Strategien. Sich eigener Einflussfaktoren auf An- und Entspannung bewusst zu werden und der Austausch über gesundes Selbstmanagement sind ebenso Inhalt des Seminars wie konkrete Anregungen zu Achtsamkeit, Entspannung und Resilienzförderung, um eigene Ressourcen im Arbeitsalltag gut nutzen zu können.

Am Beispiel des Gesundheitsmanagements bei Condrobs wird beschrieben, welche Prozesse zur strukturellen Verankerung beitragen können.

Die TN-Zahl ist auf 14 Plätze begrenzt.

Lubinski, Anne, Dipl.Päd. (univ.) Fachreferentin für Prävention und Gesundheitsmanagement, Condrobs e.V., München
Maier, Britta, Dipl.Päd. (univ.) Verwaltungsleiterin und Beauftragte für QM und Gender Mainstreaming, Condrobs e.V., München

Seminar 18 - Symposion Drogenforschung I

1. Learning howtoask – ein Training zum Erfragen von Traumatisierungen in der ambulanten Suchthilfe
Autoren: Lotzin, A., Buth, S., Hiller, P., Härter, M. & Schäfer, I.

Menschen mit Suchterkrankungen haben häufig frühe Traumatisierungen erfahren. Eine angemessene Diagnostik solcher traumatischen Erfahrungen stellt die Voraussetzung dafür dar, dass betroffenen Personen Hilfen zur Verfügung gestellt werden können. Gesundheitsfachkräfte sind je¬doch häufig unsicher im Erfragen traumatischer Erfahrungen Betroffener.
Das „Learning howtoask“ Training (Read et al., 2007) zielt darauf ab, die Kompetenz von Gesundheitsfachkräften hinsichtlich des Erfragens traumatischer Erfahrungen und des Umgangs mit Berichten traumatischer Erfahrungen zu stärken.
Im Rahmen dieses Vortrags sollen die Ergebnisse einer ersten clusterrandomisierten Studie zur Wirksamkeit des Learning howtoask Trainings bei Gesundheitsfachkräften in der ambulanten Suchthilfe vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden. Im Rahmen der Studie wurden 132 Suchtberater und Suchtberaterinnen in eine Interventions- oder Kontrollgruppe auf Ebene der Suchthilfeträger randomisiert. Teilnehmer der Interventionsgruppe erhielten eine eintägige Learning howtoask Schulung sowie eine zweistündige Nachschulung nach drei Monaten. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe erhielten kein Training. Wir nahmen an, dass die Teilnehmer der Interventionsgruppe nach der Schulung häufiger traumatische Erfahrungen erfragen würden als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Hierfür dokumentierten die Berater und Beraterinnen über einen Zeitraum von einem Jahr, welche traumatischen Erfahrungen sie bei jedem ihrer Klienten und Klientinnen erfragt hatten. Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass das Learning howtoask Training dazu beitragen kann, dass Gesundheitsfachkräfte häufiger Traumatisierungen erfragen.

Kontakt:
Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Annett Lotzin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52 • 20246 Hamburg

2. Chemsex in Deutschland – Perspektiven drogenkonsumierender Männer, die Sex mit Männern haben, in sexuellen Kontexten und Anforderungen an die Praxis

Auf der Grundlage vergleichender Erhebungen kann davon ausgegangen werden, dass der Drogenkonsum bei schwulen und anderen Männern, die Sex mit Männern (MSM) haben, insgesamt verbreiteter ist als in heterosexuellen Vergleichsgruppen und in den letzten Jahren immer häufiger in sexuellen Kontexten stattfindet. (Drewes/Kruspe 2014; Bochow et al. 2010). Der Drogenkonsum im sexuellen Kontext („Chemsex“) wird mit einem sexuellen Risikoverhalten assoziiert (Bourne et al. 2015a, 2015b, Dirks et al. 2012). Nachdem das Phänomen „Chemsex“ zunächst in den USA und England in der HIV-/STI Prävention zum Thema wurde, werden auch in deutschen Städten in den letzten Jahren vermehrt Anfragen von drogenkonsumierenden MSM verzeichnet, die sich Unterstützung wünschen. Es gibt jedoch bisher kaum adäquate Präventions- und Behandlungsangebote, da lokale Aidshilfen oft nicht über Kontexte, Wirkweisen und Nebenwirkungen von Drogenkonsum informiert und Drogenberatungen selten für schwule Lebens- und Sexualitätskontexte sensibilisiert sind.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitung des Projekts „QUADROS“ (Leitung Deutsche Aids-hilfe) wurden mithilfe eines Nachfragemappings in sieben beteiligten Städten die spezifischen Konsumkontexte, Bedürfnisse und Problemlagen drogenkonsumierender MSM explorativ durch 75 qualitative Interviews mit der Zielgruppe sowie 27 Expert_inneninterviews mit Unterstützungseinrichtungen erhoben. Über ein Angebotsmapping wurden zudem Leerstellen identifiziert (Dichtl et al. 2016).
Die über eine qualitative Inhaltsanalyse der Konsumierenden wie auch Expert_inneninterviews herausgearbeiteten Motive für Chemsex, seine Auswirkungen auf das ganzheitliche Wohlbefinden von MSM sowie sich ergebende Unterstützungsbedürfnisse und Anforderungen an die Praxis sollen im Rahmen des Vortrags detailliert vorgestellt werden.

Kontakt:
Anna Dichtl
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Institut für Suchtforschung
Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit

Niels Graf
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Institut für Suchtforschung
Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit

3. Musiktherapie und Emotion in der Suchttherapie – ein Überblick und kritische Reflektion

Musiktherapie wird in der Behandlung der Abhängigkeitserkrankung seit über 40 Jahren eingesetzt (1, 2). Mit der Diskussion um Evidenzbasierung entstanden einige randomisierte (3-5) und experimentelle (6-8) Studien zur Musiktherapie, als auch systematische (9, 10) Reviews zur Behandlung mit Musiktherapie. Kürzlich wurde ein Cochrane Protokoll (11) eingereicht.
Ein übergreifendes Thema stellt die emotionale Intensität musikalischen Erlebens und Handelns in den Mittelpunkt der Wirksamkeitsvermutung (2, 11). Bevorzugte Musik, die Gänsehaut erzeugt, aktiviert ähnliche Prozesse im Belohnungssystem wie euphorisierende Substanzen (12) und Musik flankiert -im übertragenen Sinne- die Substitution (13). Zugleich gibt es aber Hinweise, dass die gekoppelte emotionale Intensität von Musik und Substanz (14) ein Erfahrungsprofil für die Behandlung mitbringt (15-17), in welcher die jeweilige bevorzugt gehörte Musik als ‚Cue’ für ‚Craving’ und ‚relapse’ fungieren kann. Mit dieser bevorzugten aber belasteten Musik therapeutisch zu arbeiten und in einen neuen emotionale Kontext zu stellen (8, 15, 18), als auch mit Klienten in der gemeinsamen dyadischen oder Gruppenimprovisation emotionale und kognitive Begrenzungen zu aktualisieren (19-22) ist das große Potential der Musiktherapie (3, 23). Der Beitrag strebt einen Überblick und eine kritische Reflektion dieser angerissenen Themen an.

Kontakt:
Prof. Jörg Fachner, DMSc, MS Ed.
Professor of Music, Healthandthe Brain
Anglia Ruskin University (UK)
Department of Music andPerforming Arts

Dienstag, 16. Mai 2017

Das Programm

  • 9.00 Uhr VORTRÄGE
  • 11.00 Uhr SEMINARE
  • 14.00 Uhr ABSCHLUSSTREFFEN
  • 15.30 Uhr ENDE des 40. fdr+sucht+kongresses
Vortrag 3 - Prof. Dr. Martin Schmid: Entwicklungslinien der Drogenhilfe …

Entwicklungslinien der Drogenhilfe in Deutschland
Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre wurden in Deutschland die ersten offenen Drogenszenen seit dem Kriegsende sichtbar. Den vorhandenen Institutionen wie der Psychiatrie oder der Jugendhilfe gelang es nicht, adäquate Hilfen für die jungen Drogenkonsumentinnen und –konsumenten zu entwickeln. In der Folge entstand die Drogenhilfe als spezialisiertes und zumindest phasenweise von psychosozialen und sozialpädagogischen Berufen und Disziplinen dominiertes Hilfesystem. Die Veränderungen, die die Drogenhilfe seit diesem Anfängen durchlaufen hat, sind atemberaubend: Aus den wilden Anfängen in der Release-Bewegung wurden Jugend- und Drogenberatungsstellen und Therapeutische Wohngemeinschaften, aus Langzeittherapien wurden Fachkliniken, das Betäubungsmittelgesetz wurde zuerst lautstark bekämpft, dann aber für Therapievermittlung genutzt, akzeptierende Drogenhilfe wurde zunächst abgelehnt, dann schließlich der Angebotspalette hinzugefügt, und auf eine lange Phase der Ablehnung der Substitutionsbehandlung folgte schließlich die Psychosoziale Substitutionsbetreuung. Parallel dazu änderten sich Drogenpräferenzen, Konsummuster und Szenen: Auf die „Haschwiesen“ folgten u.a. die offenen Heroinszenen, Partyszenen mit Ecstasy, Crack in einzelnen Großstädten und immer wieder neue Amphetamin- und Metamphetaminwellen.

Einerseits ist die Geschichte der Drogenhilfe eine Geschichte der Professionalisierung, der Innovation und der Entwicklung immer neuer Methoden, mit denen auf sich verändernde soziale Probleme und Krisen im öffentlichen Raum der Kommunen reagiert wurde. Andererseits steht die Drogenhilfe stärker als früher vor der Frage, ob und wie sich psychosoziale Hilfeansätze in einem medizinisch dominierten Umfeld behaupten können. Im Vortrag werden zentrale Entwicklungslinien der Drogenhilfe skizziert und nach wie vor offene Fragen, die sich daraus ergeben, herausgearbeitet. Die Geschichte der Drogenhilfe verweist gleichermaßen auf Stärken und Schwächen psychosozialer Hilfeansätze. Daraus lassen sich unterschiedliche Szenarien entwickeln, wie sich die Drogenhilfe mit ihren psychosozialen Ansätzen für die Zukunft positionieren könnte.

Schmid, Prof. Dr. Martin, Leiter des Instituts für Forschung und Weiterbildung (IFW), Hochschule Koblenz, Fachbereich Sozialwissenschaften, Koblenz

Vortrag 4 - Johannes Schönthal: Wie war das in der Drogenhilfe?

Sucht sucht Respekt: „Wie war das in der Drogenhilfe?“

Schönthal, Johannes, Diplom Psychologe/Psychol. Psychotherapeut, Leiter Fachklinik, Baden-Württembergischer Landesverband für Prävention und Rehabilitation gGmbH, Fachklinik Drogenhilfe Tübingen, Tübingen

Von den (Tübinger) Anfängen der Drogentherapie und deren Ausbreitung bis nach Berlin, von Therapeutischen Gemeinschaften zu Fachkliniken mit spezifischen Zielgruppen bis zur Mitbehandlung Substituierter in der Rehabilitation – es hat sich viele getan in den letzten vierzig Jahren. Ein Rückblick (respectare: zurückblicken, -schauen, sich umsehen; hinsehen) mit Wohlwollen, gelegentlich leichter Irritation und durchaus auch Stolz auf das Getane und Gewordene, auf der erfolgreichen Suche nach verschiedenen Formen von Respekt.

Vortrag 5 - Helmut Schwehm: Die Würde des Menschen steht im Mittelpunkt

Die Würde des Menschen steht im Mittelpunkt – was denn sonst?

40 Jahre BundesDrogenKongress – 40 Jahre praxisrelevante Balance-Akte – 40 Jahre Respekt für und vor suchtkranken Menschen

Schwehm, Helmut, Diplom Pädagoge, Kinder und Jugendlichen Psychotherapeut, Edenkoben

– liegt noch nicht vor –

Seminar 21 - Migration als Thema der Suchthilfe

Migration als Thema der Suchthilfe

1. Partizipative Angebote für Menschen mit Fluchthintergrund

Die Integration von geflüchteten Menschen in Hilfe und der Umgang mit Stigmatisierungserfahrungen, welche Suchtmittelabhängige aus dieser Gruppe durch Gesellschaft uns andere Geflüchtete machen, ist eine Herausforderung für die Suchthilfe. Menschen mit einem aktuellen Fluchthintergrund aus Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sind bislang in „Kernbereichen“ Suchthilfe wie Beratung und Therapie kaum ankommen. Viele offene Fragen prägen die Diskussion darüber, wie hier Abhilfe zu schaffen ist:

  • Welche spezifische Substanz- oder Konsummusterpräferenzen sind bei geflüchteten Menschen zu erwarten und welche konkreten Hemmnisse bestehen Suchthilfeangebote in Anspruch zu nehmen?
  • Welche Rolle spielen Faktoren wie religiöse Prägung , familiäre Tradition, die soziale Situation Geflüchteter in Deutschland sowie Traumatisierungserfahrungen durch Krieg und Flucht?
  • Welche methodischen, inhaltlichen und strukturellen Voraussetzungen sind auf Seiten der Suchthilfe zu schaffen, um Menschen mit Fluchthintergrund erreichen zu können?
  • Wie kann bei der Maßnahmenplanung der Heterogenität der Zielgruppe entsprochen werden?

Die Sucht- und Drogenberatungsstelle „Misfit“ der vista gGmbH verfügt über langjährige Erfahrungen mit der Entwicklung spezifischer Angebote für Menschen mit unterschiedlichsten Migrationshintergründen. Aufbauend auf diesen Erfahrungen wurde im Oktober 2016 damit begonnen in Kooperation mit Projekten der Migrant*innenselbstorganisation in Berlin ein Peer-Projekt aufzubauen, welches Menschen mit aktuellem Fluchthintergrund dabei unterstützt innerhalb der jeweiligen Communities als Brückenbauer in die Suchthilfe zu fungieren. Das Projekt orientiert sich an den Ansätzen der „peereducation“ und der „partizipativen Gesundheitsforschung“ und soll auch den Beteiligten der Suchthilfe Gelegenheit geben sich von „Lebensweltspezialisten“ bei Anpassung der Angebote an spezifische Bedarfe beraten zu lassen und letztlich bei der Beantwortung oben gestellter Fragen helfen. In dem Workshop sollen die ersten Ergebnisse des „Peer Projektes“ vorgestellt und auf dem Hintergrund vorhandener Erfahrungen und Angebote der Suchthilfe für Menschen mit Migrationsgeschichte diskutiert werden.

Wiedemann, Stefan, Diplompädagoge (Systemischer Therapeut DGSF), Berlin

2. Sucht und Flucht – Herausforderungen und Problemlagen für die Suchthilfe in der Arbeit mit suchtmittelgebrauchenden Geflüchteten

Die große Flüchtlingswelle des vergangenen Jahres sowie die weiterhin stetig ankommenden Menschen auf der Suche nach Zuflucht fordern eine Reaktion auf die spezifischen Bedarfe dieser Zielgruppe auch von Seiten der Suchthilfe. Verschiedene Faktoren wie Traumatisierungen durch die Flucht, Herausforderungen in der neuen Heimat, Wartezeiten im Rahmen des Asylverfahrens, die Unterbringung in Massenunterkünften sowie eine große Perspektivlosigkeit durch die unsichere Lebenssituation führen bei den Geflüchteten häufig zu schweren psychischen Belastungen. Die Gefahr einer Selbstmedikation durch den Gebrauch von legalen und illegalen Substanzen ist hoch. Verbunden damit steigt zudem das Risiko, eine Abhängigkeitserkrankung auszubilden.

Der Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V. nahm sich Anfang 2016 dieser Zielgruppe an und baute das überregionale Lotsenprojekt Guidance zur Beratung, Betreuung und Vermittlung von suchtmittelkonsumierenden Geflüchteten auf. Auch Angehörige sowie Fachkolleg*innen und Multiplikator*innen, die mit geflüchteten Menschen arbeiten bzw. diese ehrenamtlich unterstützen, finden im Projekt die Möglichkeit für Schulungen und kollegiale Fallberatung. Das Lotsenprojekt Guidance ist an den Drogennotdienst Berlin, eine berlinweit tätigen Beratungsstelle für suchtmittelgefährdete und -abhängige Jugendliche und Erwachsene, angegliedert.

Im Seminar sollen aktuelle Problemlagen und Herausforderungen für die Suchthilfe in der Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden Geflüchteten auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen vorgestellt und erörtert werden. Auch ein Ausblick in die Zukunft dieses Tätigkeitsfeldes soll geboten werden. Ein Austausch zwischen den Seminarteilnehmer*innen ist Teil der Veranstaltung.

Frommhold, Michael, Bereichsleiter Drogennotdienst, Notdienstes für Suchtmittelgefährdete und abhängige Berlin e.V., Drogennotdienst, Berlin

Seminar 22 - Alkohol in unserer Gesellschaft …

Alkohol in unserer Gesellschaft: Fragen zur Haltung – Haltungsfragen!
Alkoholabhängigkeit wird im Vergleich mit anderen psychischen Erkrankungen deutlich seltener als Erkrankung angesehen.
Im Gegenteil: viel stärker als bei anderen psychischen Erkrankungen spielt das Moment der persönlichen Schuld oder des persönlichen Versagens eine große Rolle.
Auch heute noch wird in der Wahrnehmung vieler Menschen Alkoholabhängigkeit als ein den gesellschaftlichen Normen widersprechendes Verhalten oder schlicht als Charakterschwäche angesehen. Betroffene, die das unterstellte Fehlverhalten nicht „einfach so“ korrigieren können, werden häufig stigmatisiert und ausgegrenzt. Dies wiederum hat zur Folge, dass betroffene Menschen oftmals gar nicht oder erst sehr spät Hilfe in Anspruch nehmen.
In diesem Workshop wollen wir uns mit der Perspektive der Helfenden/der Profis auseinandersetzen. Wie ist unsere eigene Haltung? Wie stehen wir zu riskant oder abhängig konsumierenden Menschen? Wie gehen wir mit unseren widersprüchlichen Gefühlen, wie mit unseren eigenen Vorurteilen um? Der Workshop lebt von der Bereitschaft, sich offen zu diesen Fragestellungen auszutauschen.

Mutter, Heide, Suchthilfekoordinatorin, Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Abteilung Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung, Planungs- und Koordinierungsstelle für Gesundheit, Suchthilfekoordination und Suchtprävention, Planungs- und Koordinierungsstelle Gesundheit, Berlin

Chahmoradi Tabatabai, MBA, Darius, Chefarzt, Hartmut-Splitter-Fachklinik am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum, Berlin

Seminar 23 - Inklusion in der Eingliederungshilfe

Inklusion in der Eingliederungshilfe
Die Eingliederungshilfe: Chance für die Umsetzung von Selbstbestimmungsrechten

Die Wiedereingliederungshilfe bietet durch die UN-Charta und ihre verbrieften Rechte eine große Chance für die Umsetzung von Selbstbestimmungsrechten. Damit das nicht nur auf dem Papier gut aussieht, müssen wir allerdings dafür Sorge tragen, dass insbesondere für erkrankte und alternde Menschen dieser Zielgruppe sich die Pflicht-Versorgungssysteme nicht weiter zurückziehen und die medizinische Versorgung und pflegerische Verantwortung der Suchthilfe übertragen wird und damit bestcase (semi-)professionell geleistet wird. Die verschiedenen Rechtsgrundlagen machen die Finanzierbarkeit und Durchführbarkeit von Pflegebedarfen in der Wiedereingliederungshilfe extrem schwierig und schwerfällig.

Dias de Oliveira, Anabela, Diplom-Sozialpädagogin, VFWD e.V., Projekt Lüsa, Unna

Seminar 24 - Von der Komm-Struktur zur Hol-Struktur

Von der Komm-Struktur zur Hol-Struktur – Erreichbarkeit drogenkonsumierender Frauen als Mütter und in der Schwangerschaft

Die schwierige Erreichbarkeit von Zielgruppen mit einem deutlichen Hilfebedarf – wie beispielsweise drogenabhängige Frauen mit kleinen Kindern – und/oder einer hohen Veränderungsmotivation – wie beispielsweise drogenkonsumierende Frauen in der Schwangerschaft – muss sachlich konsequent hinsichtlich möglicher faktischer Hindernisse reflektiert werden.
Insbesondere für Frauen mit kleinen Kindern und in der Schwangerschaft erschwert die traditionell im Drogenhilfesystem vorgehaltene Komm-Struktur häufig den Zugang zu unterstützenden Angeboten und somit die Erarbeitung eines professionellen, verbindlichen Beziehungsangebotes. Vor dem Hintergrund vorliegender Bindungsstörungen bei einem Teil der substanzkonsumierenden Frauen und dem Wissen um die transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen und Bindungsstörungen erweist sich dieses Beziehungsangebot jedoch als eine wesentliche Arbeitsgrundlage.

Mit einer Modifikation des Zugangs von der Komm- zu einer Hol-Struktur kann über positive Effekte für die praktische Arbeit hinsichtlich der Erreichbarkeit und des Beziehungsaufbaus zu betroffenen Frauen berichtet werden, ebenso über die Auflösung verdeckter Stigmatisierung („Frauen in dieser Lebenssituation nehmen unsere Angebote nicht an“). Eine solche Strukturveränderung erfordert dabei nicht zuletzt die grundlegende Infragestellung von traditionellen Haltungen des Hilfesystems.
In diesem Seminar sollen die Hintergründe dieser Strukturveränderungen und ein positiv erprobtes Angebot vorgestellt werden.

Tödte, Martina, Diplom-Sozialpädagogin, Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, BELLA DONNA, Essen

Seminar 25 - Betäubungsmittelgesetz und Menschenwürde heute

40 Jahre BundesDrogenKongress – 35 Jahre „Therapie statt Strafe“. Betäubungsmittelgesetz und Menschenwürde heute.

Eberth, Alexander, Rechtsanwalt, Aufsichtsrat Condrobs e.V., München

– liegt noch nicht vor –

Seminar 26 - „ImpulsPunkt!“ - Ein Trainingsmanual …

„ImpulsPunkt!“ – Ein Trainingsmanual zum gesünderen Umgang mit aggressiven Impulsen. Impulskontrolltrainings mit Substituierten
Bei der Arbeit mit „gewaltaffinen“ Suchtkranken erhält das Thema Kontrollverlust unweigerlich eine zusätzliche inhaltliche Dimension. Jenseits unmittelbar substanzbezogener Steuerungsprobleme gerät nun auch Aggression in den Fokus. Obwohl die Konfrontation mit Fremd- (und Selbst-)Verletzungen in der Sucht- und Drogenhilfe kaum zu vermeiden ist, wird damit nicht selten eher im Ausschluss- oder Delegationsverfahren umgegangen – mit begrenztem Erfolg. Für psychiatrisch auffällige oder fehlsozialisierte Substituierte trifft dies in besonderer Weise zu. Für den Umgang mit ihnen ist zunächst ein Ausnahme-Ort zu sichern, an dem Gewalt auf dem Wege der konsequenten Frühintervention verhindert wird. Das heißt Verhältnisprävention. Nach und neben dieser Grundlage wird allerdings Verhaltensprävention nicht nur möglich sondern auch notwendig! Das heißt: Training, Verlernen alter und Erlernen neuer Umgangsweisen mit aggressiven Impulsen. Die SeminarteilnehmerInnen lernen wesentliche Grundlagen, Inhalte und Methoden eines neuen, manualgestützten Impulskontrolltrainings kennen – auch ganz praktisch.

Westermann, Bernd, Bereichsleiter Projektentwicklung und Fortbildung, Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V, Berlin

Seminar 27 - Belastungsfaktoren und Rehabilitation bei haftentlassenen Drogenabhängigen

Belastungsfaktoren und Rehabilitation bei haftentlassenen Drogenabhängigen
Haftentlassene Drogenabhängige befinden sich im Vergleich zu drogenabhängigen Rehabilitanden, die aus eigener Wohnung eine Rehabilitation antreten, in einer problematischeren Lebenssituation. An einer Stichprobe von n=210 Personen werden objektive und subjektive Belastungen, Aktivität und Teilhabe sowie Verlaufs- und Prognosefaktoren untersucht. Bei höherer objektiver Belastung werden von Haftentlassenen weniger subjektive Beschwerden angegeben. Ergebnisse zu situativen Erklärungen und psychischen Verarbeitungsformen werden vorgestellt. Es werden zudem Anregungen zu einem Abbau von Vorurteilen und zur Ausgestaltung einer diskriminierungsfreien Behandlung beider Patientengruppen gegeben.
Die Schwierigkeit, sich den täglichen Routinen anzupassen und sich in Organisationsabläufe einzufügen weist auf eine misslungene Umstellung von der Haft auf die Rehabilitation hin. Während im Gefängnis Rückzug, Demonstration von Stärke, Abkapselung vom Personal sowie die Einhaltung des kollektiven Ehrenkodex nützliche Strategien waren, ist nun in der Therapie ein höheres Maß an Eigenverantwortung, Kooperation und Öffnung gefordert. Die Umstellung vom einen ins andere Interaktionsmuster misslingt und schlägt sich in abweichendem Verhalten nieder. Die gescheiterte Anpassung an Regeln und Routinen erhöht das Risiko für disziplinarische Entlassungen.
Mit den hier vorgestellten Ergebnissen ergibt sich ein differenziertes Bild der unterschiedlichen Belastungen und Verarbeitung Haftentlassener und anderer Patienten/innen. Dies gilt es bei der Hilfeplanung zu berücksichtigen: Auf der Grundlage ihrer jeweiligen Beeinträchtigungen sind für die jeweiligen Patienten/innen individuell passgenaue Behandlungspläne zu entwickeln, die auch die jeweiligen Beeinträchtigungen im Bereich Aktivität und Teilhabe entsprechend berücksichtigen.

Claussen, Ulrich, Diplom Psychologe, Jugendberatung und Jugendhilfe, Therapeutische Einrichtung Auf der Lenzwiese, Höchst-Hassenroth

Schneider, David, Diplom Sozialpädagoge, Jugendberatung und Jugendhilfe, Fachstelle Evaluation, Frankfurt am Main

Seminar 28 - Symposion Drogenforschung II

4. Resilienzförderung bei homosexuellen jungen Erwachsenen mit riskanten Suchtmittelkonsum
Das Aufwachsen von LSBTIQ-Menschen in Deutschland ist nach wie vor problematisch. Obwohl homosexuelle Partnerschaften in der deutschen Rechtsprechung mittlerweile in vielen Bereichen als gleichberechtigte Lebensform neben der heterosexuellen Partnerschaft anerkannt sind, trifft diese Lebensform nicht immer auch auf gesellschaftliche Akzeptanz (Brassel-Ochmann 2016: 1f.). So gehören nach Timmermanns (2013) sowohl homophobe Stimmungen (aktuell auch durch den Aufstieg rechtskonservativer Parteien) als auch Diskriminierungen und Gewalt immer noch zu den Sozialisationsbedingungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Auch das „Coming-Out“ ist für die Jugendlichen mit erheblichen Problemen verbunden (Sielert/Timmermanns 2011). Insbesondere, wenn die Jugendlichen versuchen, ihre tatsächliche geschlechtliche und sexuelle Identität über längere Zeit zu verdrängen, können sich bei einzelnen Heranwachsenden psychische und psychosomatische Symptome ausbilden (Krell/Oldemeier 2015: 13ff.). Vor allem Alkohol und andere Substanzen werden von über der Hälfte der Jugendlichen dazu genutzt, ihre Schwierigkeiten zu bewältigen (Sielert/Timmermanns 2011: 12). Da jedoch ein übermäßiger Gebrauch von Suchtmitteln gesellschaftlich sehr negativ behaftet ist (Berger 2012: 9f.), werden die LSBTIQ, die Alkohol und andere Drogen missbräuchlich konsumieren, sogar in zweifacher Hinsicht stigmatisiert.

Um also der erhöhten Vulnerabilität von LSBTIQ-Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen entgegenzuwirken bedarf es resilienzfördernder bzw. suchtpräventiver Angebote speziell für diese Zielgruppe (Kostrzewa 2016). Im deutschsprachigen Raum gibt es jedoch diesbezüglich bislang kein evaluiertes Programm. Daher soll die Masterarbeit „Resilienzförderung bei LSBTIQ-Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Entwicklung, Durchführung und Evaluation eines Seminarkonzeptes.“ genau diese Lücke füllen und mithilfe eines Seminars die Resilienz der Zielgruppe stärken. Dabei soll sowohl mit spezifischen Methoden für LSBTIQ als auch mit allgemein resilienzfördernden und suchtpräventiven Bausteinen gearbeitet werden. Eine Auswertung des Seminars soll dann mithilfe von drei Messzeitpunkten (direkt vor und nach dem Seminar sowie nach drei Monaten) erfolgen. Die Ergebnisse sollen abschließend auf dem Kongress präsentiert und diskutiert werden.

Kontakt:
Pädagogin (B. A.) Sina Rade
Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein e.V.
Schreberweg 5 • 24119 Kronshagen

5. Problematischer Drogenkonsum und Vaterschaft – Ergebnisse einer qualitativen Studie
Die komplexe Situation suchtbelasteter Familien ist in den letzten Jahren auch verstärkt in den Blick der Sucht- und Drogenhilfe geraten. Geschlechtsbezogene Aspekte finden dabei jedoch kaum Berücksichtigung: Entweder ist geschlechterundifferenziert von Kindern und Eltern die Rede oder der Fokus bezüglich Elternschaft wird nahezu ausschließlich auf schwangere Frauen und/oder Mütter gerichtet. Männliche Substanzkonsumierende als Elternteil und Erziehungsverantwortliche werden demgegenüber in Forschung und Praxis weitgehend ignoriert; dies gilt insbesondere für den Bereich der illegalen Drogen. Insgesamt liegen kaum Erkenntnisse darüber vor, wie Männer trotz einer bestehenden Drogenproblematik ihre Elternrolle wahrnehmen und interpretieren. Insofern fehlen auch Erkenntnisse dazu, wie drogenabhängige Väter in Erziehung und Präventionsbemühungen einbezogen werden können und welche Barrieren, aber auch Kompetenzen für sie hinsichtlich der Übernahme der Vaterrolle bestehen. Damit fehlen auch die Voraussetzungen für eine geschlechtergerechte und wirksame Hilfegestaltung.
Mit dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt „Problematischer Substanzkonsum und Vaterschaft“ wurde diese Forschungslücke adressiert. Basierend auf einem qualitativen Forschungsdesign – Leitfadeninterviews und Fokusgruppen – wurden erstmals für Deutschland systematisch Daten zu relevanten Einflüssen eines problematischen Drogengebrauchs auf Vaterrolle, Vaterbilder und Erziehungsarbeit aus Sicht von betroffenen Vätern und Mitarbeitenden der Drogenhilfe gewonnen. In dem Symposion sollen zentrale Ergebnisse dieser qualitativen Studie vorgestellt und diskutiert werden.

Kontakt:
Dr. Christiane Bernard
Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, BELLA DONNA
Kopstadtplatz 24-25 • 45127 Essen

Abschlusstreffen: Memorandum „Das Stigma von Suchterkrankungen“

Vorstellung des Memorandums: Das Stigma von Suchterkrankungen verstehen und überwinden
Moderation: Prof. Dr. Georg Schomerus

Im September gab es in Greifswald die Klausurtagung „Das Stigma von Suchterkrankungen verstehen und überwinden“. Ergebnis der Tagung ist ein Memorandum, in dem das Problem von Stigma und Sucht beschrieben und Lösungswege vorgeschlagen werden. Prof Schomerus würde das gerne konkretisieren und etwas breiter aufziehen, nachdem auch Herr Kern aus dem BMG vorgeschlagen hat, den Kongress dafür zu nutzen, eine Öffentlichkeit für das Memorandum herzustellen.
Es ist an eine Veranstaltung geplant, in der Mitglieder der Memorandumsgruppe die verschiedenen Aspekte des Memorandums erläutern und zur Diskussion stellen. Ziel wäre es, über eigene Vorschläge und Überlegungen hinaus mit den Tagungsteilnehmer*innen ins Gespräch zu kommen, und Möglichkeiten der Umsetzung auszuloten.

Leitung: Schomerus, Prof. Dr. Georg, Stellv. Direktor, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Universitätsmedizin Greifswald